Meine frühen Blogtexte heute gelesen: über Stärke, Tempo und Dranbleiben

Vor kurzem habe ich meine ersten Blogbeiträge gelesen. Texte aus einer anderen Zeit. Geschrieben von mir – und doch von jemandem, der mir heute zugleich vertraut und fremd ist.
 
Einer dieser Texte hieß „Mein Tiger und ich“. Ich habe ihn 2013 geschrieben, ohne Plan, ohne Ziel, ohne den Gedanken, dass er einmal Teil einer längeren Geschichte sein könnte. Es war kein Konzept. Es war ein innerer Zustand.
 
Beim Lesen heute, zwölf Jahre später und nach über vierzig Jahren mit Amputation, habe ich gemerkt: Der Text ist roh. Suchend. Unfertig. Und genau darin liegt seine Wahrheit.


Damals – Stärke als Überlebensstrategie

Der Tiger stand für Kraft. Für Widerstand. Für das Weitermachen. Für eine Haltung, die mir über Jahrzehnte geholfen hat, nicht stehen zu bleiben – auch nach dem Unfall, auch nach der Amputation.


Ich habe früh gelernt, Dinge mit mir selbst auszumachen. Hilfe nicht einzufordern. Schwäche nicht zu zeigen. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern eine Strategie. Und sie hat funktioniert. Aber zwischen den Zeilen dieses alten Textes ist noch etwas spürbar: Ein inneres Alleinsein. Ein permanentes Funktionieren. Ein Tempo, das keinen Raum ließ für Zweifel oder Pausen. Damals dachte ich, das sei notwendig. Vielleicht war es das auch.
 
Coaching-Gedanke: Dranbleiben beginnt oft mit Durchhalten
Viele Menschen entwickeln Stärke, weil sie müssen – nicht, weil sie wollen.
Gerade nach Brüchen, körperlichen wie biografischen, wird Durchhalten zur Identität.
Das ist nichts, wofür man sich rechtfertigen muss.
Aber es ist etwas, das man später neu betrachten darf.

 
Heute – Stärke als bewusste Entscheidung

Wenn ich diesen Text heute lese, will ich ihn nicht korrigieren. Ich will ihn einordnen. Ich sehe einen Menschen, der gelernt hat, stark zu sein – aber noch nicht wusste, dass Stärke nicht dauerhaft abrufbar sein muss. Dass Entwicklung nicht bedeutet, immer weiter zu beschleunigen. Nach über 40 Jahren mit Amputation weiß ich:
 
Der Tiger war nie das Problem.
 
Das Problem war die Annahme, dass er immer führen muss.
 
Heute ist mein Tempo ein anderes. Nicht langsamer im Sinne von Rückzug, sondern bewusster. Ich treffe Entscheidungen nicht mehr aus dem Gefühl heraus, etwas beweisen zu müssen. Und auch nicht, um Erwartungen zu erfüllen oder ihnen zu trotzen. Sondern aus Nähe zu mir selbst.
 
Coaching-Gedanke: Dein Tempo ist kein Rückschritt
Entwicklung heißt nicht, schneller zu werden.
Sie heißt, ehrlicher zu werden.
Ehrlich gegenüber dem eigenen Körper.
Ehrlich gegenüber der eigenen Energie.
Ehrlich gegenüber dem, was gerade möglich ist – und dem, was nicht.
Dranbleiben bedeutet nicht, sich ständig zu überfordern.
Es bedeutet, sich selbst nicht zu verlieren.

 
Was geblieben ist – und was sich verändert hat

Geblieben ist meine Bereitschaft, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen.
Geblieben ist die Fähigkeit, durch schwierige Phasen zu gehen. Verändert hat sich mein Verhältnis dazu. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich muss keine Härte mehr kultivieren.
Ich muss nicht schneller sein, um richtig zu sein. Ich bin drangeblieben – nicht an Zielen, sondern an mir. Und genau darin liegt für mich heute der eigentliche Wert dieses alten Blogs:
Er markiert einen Punkt auf dem Weg, nicht das Ziel.
 
Coaching-Gedanke: Dranbleiben heißt bei sich bleiben
Manchmal heißt Stärke: durchziehen.
Manchmal heißt Stärke: abbrechen.
Und manchmal heißt Stärke: bleiben – aber langsamer.
Dranbleiben ist kein Versprechen an das Außen.
Es ist eine Beziehung zu dir selbst.
Nicht, weil andere es erwarten.
Nicht, weil man glaubt, etwas beweisen zu müssen.
Sondern weil es sich stimmig anfühlt.

 
Schlussgedanke

Mein Tiger ist noch da. Aber er läuft nicht mehr voraus. Er geht mit. Und das fühlt sich heute nicht nach Stillstand an, sondern nach Ankommen.
 

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