Wenn Versorgung plötzlich leicht wird

Es gibt Momente, in denen sich die eigene Geschichte still neu sortiert. Oft mitten im Alltag, ohne dramatische Kulisse. Bei mir war es in den 90er-Jahren – in einer kleinen Werkstatt in Biel, bei einem Mann, der verstand, was Präzision und Beziehung in der Versorgung bedeuten.

Ich war seit vielen Jahren amputiert, trug damals eine Prothese nach einer Hemipelvektomie – eine Versorgung, die körperlich wie technisch zu den anspruchsvollsten gehört. Und die langen Versorgungszeiten in Deutschland waren für mich nicht nur organisatorisch schwierig, sondern ehrlich gesagt belastend.

Ich stand mitten im Studium, gleichzeitig in der Promotion. Dazu kam etwas, das viele heute immer noch kennen: wechselnde oder vertretene Techniker. Menschen, die engagiert waren – aber immer wieder von vorn anfangen mussten. Fehler, die eigentlich hinter mir lagen, tauchten erneut auf. Jeder Neustart kostete Zeit, Energie und Nerven.

Mein damaliger Techniker, Knut Lechler, war in dieser Zeit eine wichtige Konstante: fokussiert, interessiert, wirklich bemüht, die bestmögliche Prothese zu bauen. Und über ihn kam der entscheidende Impuls – nämlich der Weg nach Biel zu Pierre Botta. Pierre Botta war einer der prägenden Orthopädietechniker der Schweiz – bekannt für seine analytische Schärfe, sein handwerkliches Können und seine konsequente Patientenorientierung. Viele komplexe Versorgungsfälle aus ganz Europa kamen zu ihm, weil er Lösungen fand, wo andere an Grenzen stießen.

Und dann kam dieser Montagmittag.

Ich stand vor Pierre. Ein Techniker, der nicht nur Erfahrung hatte, sondern eine seltene Mischung aus Klarheit, Ruhe und absolutem Fokus. Er schaute sich meinen Gang an, meine Statik, mein Becken. Und nach wenigen Minuten sagte er: „Ich weiß, was du brauchst.“

Dienstagvormittag lag ein Probeschaft vor uns. Damals kannte ich so eine Arbeitsweise nicht. Wir testeten, feilten, passten an. Nichts Spektakuläres – aber alles auf den Punkt. Die Prothese stand stabil, belastbar, logisch aufgebaut. Und von Mittwoch bis Freitag baute Knut mit Pierres Unterstützung die endgültige Prothese.

Fünf Werktage.

Keine sieben Monate. Keine zwölf. Keine endlosen Terminreihen.

Nur Handwerk, Analyse, Konzentration – und eine Versorgung, die so gut war, dass ich die Grundstruktur dieser Prothese fast zehn Jahre genutzt habe. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Nicht, weil alles perfekt war. Sondern weil ich zum ersten Mal gespürt habe, wie Versorgung aussieht, wenn alle denselben Referenzpunkt teilen: ein konkretes Ziel, eine klare Funktionsidee, eine ehrliche Kommunikation – und die Bereitschaft, Haltungen zu hinterfragen.

Warum ich hier ausführlicher darüber schreibe

Ich habe in einem meiner Newsletter bereits angedeutet, warum diese Erfahrung für mich so grundlegend war. Hier im Blog möchte ich es deutlicher ausführen – weil viele Menschen genau an dieser Stelle ins Stocken geraten: zwischen technischen Möglichkeiten, gut gemeinten Ratschlägen und dem Gefühl, sich im eigenen Versorgungsweg zu verlieren.

Viele Patientinnen und Patienten bleiben jahrelang in Schleifen, die vermeidbar wären: unklare Ziele, Missverständnisse, Frust. Technikerinnen und Techniker erleben dasselbe – nur von der anderen Seite. Beim AmpSurfcamp höre ich diese Geschichten jedes Jahr. Und sie ähneln sich oft bis ins Detail.

Deshalb arbeite ich heute mit einem klaren Referenzpunkt, einem 5-Zeilen-Steckbrief, der technisches Handwerk und persönlichen Alltag wieder miteinander verbindet. Denn was Pierre damals intuitiv gemacht hat, versuche ich heute in meinem Peer-Coaching systematisch weiterzugeben.

Der 5-Zeilen-Steckbrief

  1. Ziel: Was will ich wieder können?
  2. Kontext: Wo zählt die Funktion wirklich?
  3. Grenzen: Haut, Narben, Schmerz, Energie.
  4. Prioritäten: Komfort? Optik? Stabilität?
  5. Erfolgskriterium: Woran merken wir in 4–6 Wochen, dass es passt?

Das ist kein Formular. Es ist ein Kompass. Für Patient:innen wie für Techniker:innen.

Hinweis: PDF zum gemeinsamen Referenzpunkt

Wenn du diesen Referenzpunkt gemeinsam mit deinem Techniker festhalten möchtest, habe ich dazu ein einfaches PDF vorbereitet. Eine Seite, klar strukturiert – als gemeinsamer Startpunkt und zur späteren Orientierung. Hier kannst du es herunterladen.

👉 PDF: Versorgungs-Referenzpunkt (Patient:in & Techniker:in)

(Hinweis: Der Steckbrief dient ausschließlich als Gesprächs- und Orientierungshilfe zwischen Patient:in und Orthopädietechniker:in.)

6 Fragen für deinen nächsten Termin

  1. Was soll die Versorgung im Alltag konkret ermöglichen?
  2. Wann wird es unangenehm – Minuten, Meter, Situationen?
  3. Wo drückt es wirklich – Spitze, Rand, Narbe?
  4. Fühlt sich der Schaft gut an?
  5. Was klappt zu Hause oder bei der Arbeit nicht – ganz konkret?
  6. Was testen wir bis zum nächsten Termin – und wie messen wir Erfolg?

Diese Fragen machen ein Gespräch ruhiger. Und sie holen die Versorgung weg vom Perfektionsdruck – hin zu „gut genug für mein Leben“.

„High-End“ oder „gut genug“?

Ich habe High-End getragen. Und ich habe „gut genug“ getragen. Das Beste war selten das Teuerste. Das Beste war das, was zu meinem Leben passte.

Wenn „gut genug“ sauber definiert ist, wird die Versorgung schneller, klarer und verlässlicher. Und genau das sehe ich heute in meiner Arbeit immer wieder.

Zum Schluss – dein eigener Referenzpunkt

Vielleicht bist du gerade selbst auf dem Weg zu einer neuen Versorgung. Vielleicht stehst du ganz am Anfang. Oder du hast schon eine Prothese, aber irgendetwas passt noch nicht.

Dann frag dich:

Was ist mein Referenzpunkt – und kennt mein Techniker ihn auch?

Schreib mir gern, wenn du darüber sprechen möchtest. Manchmal merkt man erst an solchen Gesprächen, wie groß der Redebedarf eigentlich ist.

Mach’s gut – und bleib in Bewegung.
Thomas

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