Inklusion beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Immer wieder habe ich versucht meine Gedanken in Worte zu fassen, das Thema ist einfach sehr komplex und für mich auch hoch emotional. Nun wage ich einfach mal einen ersten Ansatz, die Vielschichtigkeit des Themas anzureißen.

Es macht mich schlicht wütend, unter welchem Irrsinn Inklusion manchmal daherkommt. Eine rollstuhlgerechte Rampe vor der Postfiliale oder Kinder mit erhöhtem Förderbedarf einfach in eine Regelschule stecken – für viele ist das Inklusion. Das ist keine Inklusion. Aber wofür steht dann Inklusion oder ist sie wirklich nur eine Illusion?! Ich bin behindert seit meinem Unfall 1985. Dreißig Jahre habe ich ohne Inklusion gut gelebt. Auf einmal soll ich es brauchen? Ich wurde behindert in einer Zeit als noch viele Kriegsversehrte lebten. Man konnte sie in zwei Gruppen unterscheiden, diejenigen die ihren Frieden gemacht hatten und mit sich und auch ihrem Umfeld gut auskamen, und diejenigen die sich nicht ertragen konnten und in der Nachkriegsgesellschaft irgendwie nie ankamen. Kopfschütteln, wenn man denen Inklusion erklärt hätte. Aber wofür brauchen wir Inklusion? Um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Bewusstsein zu schärfen? Besser miteinander leben zu können? Ein Miteinander zu erreichen? Achtsam mit jedermann umzugehen? Fragen, die bisher unbeantwortet bleiben. Eines ist aber klar: Inklusion beginnt nicht auf dem Papier, sondern im Kopf!

In meinem Leben gibt es einen roten Faden: Beziehungen sind mir sehr wichtig. Das war vor meinem Unfall so und danach war es von essentieller Bedeutung, um das Trauma zu verarbeiten. Warum und wie wichtig Beziehungen sind, zeigte mir der Autor Veit Lindau gerade vor ein paar Tagen in einer aktuellen Videoreihe auf. Er stellte verschiedene Thesen zum Thema Beziehungen auf, private, berufliche einfach in alle Richtungen und eines wurde ganz klar herausgearbeitet: Du bist nicht alleine – wir stehen alle miteinander in Beziehung, sitzen alle in einem Boot! Das ist so klar und einleuchtend. Leider vergessen wir es ein ums andere Mal! Wenn wir aber alle miteinander verbunden sind, warum brauchen wir dann Inklusion – eine von oben verordnetes Verbessern von Beziehungen zwischen normalen und behinderten Menschen?! Ist es denn so, dass beiden Gruppen getrennte Wege gehen? Sicherlich werden auf beiden Seiten Fehler im Umgang miteinander gemacht, aber das geschieht doch auch im Dialog unter Nicht-Behinderten. Ich bin der Meinung, dass die Teilhabe von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft sehr gut gelingt, beispielhaft ist der Sport genannt. Wer schon mal mit einer Handicap-Klettergruppe unterwegs war, versteht was ich meine. Behinderte und Nichtbehinderte ziehen an einem Seil! Jeder sichert den anderen und übernimmt Verantwortung. Jedoch so vorbildlich die Integration im Breitensport gelingt, so katastrophal ist es im Leistungssport.

Im Leistungssport ist Inklusion nur Folklore.

Der amputierte Leichtathlet Markus Rehm wurde im Weitsprung Deutscher Meister 2014 der Nichtbehinderten und erfüllte so die Norm für die Europameisterschaften. Der Deutsche Leichtathlethikverband (DLV) nominierte ihn aber für die EM nicht, weil Untersuchungen gezeigt hätten, dass er durch seine Karbonprothese im Vorteil gegenüber nichtbehinderten Springern sei. Spätestens hier würde jedem deutlich: Inklusion im Regelsport ist nicht erwünscht! Das von der UN seit 2008 verbriefte Recht zur absoluten Teilhabe von behinderten Sportlern ist im Leistungsbereich zur Exklusion geworden. Fachverbände, wie die DLV, ziehen sich auf den Standpunkt zurück, dass Prothesen Vorteile bringen. Sofern der Regelsport nicht vom Gegenteil überzeugt wird, hat der behinderte Sportler kein Startrecht. Warum ist die Situation so kompliziert? Der Regelsport könnte mit den wenigen behinderten Sportlern, die im Spitzenbereich mithalten können, locker umgehen. Da sie es aber nicht tun, nehme ich an, es geht hier um emotionale Befindlichkeiten, um Komfortzonen und um Ängste!

Und das betrifft jeden, denn Behinderungen gehören zum Menschsein. Sie treffen uns meistens im Laufe unseres Lebens. Ob als Unfall oder Krankheit, ob Zufall oder fahrlässiges Handeln, die wenigsten bleiben verschont. Und Menschen zerbrechen oder wachsen daran. Aber woher kommt die unterschwelligen Vorbehalte gegenüber dem Behindertsein? Vor dem Anderssein? Hat es mit individuellen Komfortzonen zu tun? Eindeutig! Komfortzonen sind vertraut, sicher, bequem. Alles was außerhalb der eigenen Komfortzone liegt, erzeugt Angst. Will ich die überwinden, kostet es mich viel Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Wer, wie ich mit 21 durch einen Unfall zum behinderten Menschen wurde, weiß was es bedeutet damit fertig zu werden. Ängste ausstehen. Selbstzweifel aushalten. Das ist alles nicht leicht, weil wir darauf nicht vorbereitet sind. Ein unachtsamer Moment und deine vertraute Komfortzone ist Vergangenheit. Du gehörst auf einmal nicht mehr zur Norm und du musst akzeptieren, dass du nie wieder zur Norm gehörst. Psychisch bedeutet das, es bedarf viel Zuversicht und Mut das zu kompensieren. Neue Werte, neue Ziele, Schritt für Schritt ein neues Bewusstsein aufbauen. Wer das schafft gewinnt, wer nicht zerbricht.

Diese Energie: du fühlst es!

Das Behindertsein macht dich nicht zu einem besseren Menschen, aber du hast die einmalige Chance, Potenziale und Energien zu entdecken, die dir sonst verwehrt geblieben wären. Wer Behinderte beim Sport zusieht, egal ob Leistungssport oder Breitensport, weiß wovon ich spreche…

Das Ablehnen von behinderten Sportlern im Regelsport, ist letztendlich der Offenbarungseid für ein System, das wahre menschliche Leistung nicht erkennt und wertschätzt. Gerade heute wäre es ein wichtiges Zeichen zu zeigen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Aber solange kein Umdenken in den Köpfen stattfindet, wird die Menschlichkeit im Regelsport weiter erodieren und der behinderte Sportler nur in der Nische eine wirkliche Chance bekommen. Zudem entlarvt es die Inklusion als reinen Papiertiger und diskreditiert nachhaltige Projekte und deren Unterstützer. Da der Leistungssport Vorbildcharakter hat, werden Institutionen, Unternehmen oder „normale“ Menschen ihren Standpunkt zur Inklusion überdenken und dem Vorbild folgen. Das kann nicht im Sinne der UN-Charta sein. Entweder Inklusion auf allen Ebenen oder gar nicht!

Daher kann Inklusion langfristig nur erfolgreich sein, wenn alle begreifen, dass jeder mit jedem in Beziehung steht. Die Inklusion bleibt nur eine Illusion, wenn wir die Vielfalt nicht zur Norm machen!

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