Fit mit Handicap: Körper und Geist im Einklang

Körper und Geist sind untrennbar miteinander verbunden. Kann man das spüren? Ja! Für mich ist das nicht nur eine esoterische Floskel, sondern Ausdruck meiner eigenen Körperwahrnehmung. Gerade beim Qigong enstehen Momente, in denen ich diese Einheit am intensivsten spüre. Durch Qigong habe ich mich schon vor Jahren auf diesen Weg begeben, aber die Spiegeltherapie, die ich seit wenigen Wochen praktiziere, hat geradezu wie ein Inkubator gewirkt. Diese Therapieform wird bei der Behandlung von Phantomschmerzen eingesetzt.

Phantomschmerzen entstehen in Folge eines traumatischen Ereignisses, wie z.B. einer Amputation nach einem Unfall. Die Schmerzen kommen im Minutentakt und sind nur durch spezialisierte Schmerzmittel in den Griff zu bekommen, vergleichbar einer Migräne. Je emotionaler das Ereignis wahrgenommen wurde, desto stärker sind die Phantomschmerzen. Bei mir traten sie direkt nach dem Unfall zum ersten Mal auf und wurden mit der Zeit immer heftiger.

Die Spiegeltherapie greift im Gehirn an. Neurologische Strukturen, die ursprünglich z.B. für ein amputiertes Bein verantwortlich waren, werden reorganisiert, um keine Phantomschmerzen auszulösen. Wie? Ganz simpel: mit einem Spiegel wird das vorhandene Bein – bei mir das linke – auf rechts gespiegelt. Das Spiegelbild ersetzt das verlorene Bein. Dabei passiert etwas unbeschreiblich schönes: Beim Anblick der Illusion „rechtes Bein“ werde ich regelrecht euphorisch. Mein Geist freut sich über das zurückgewonnene Bein so sehr, dass ein wahres Glückmoment entsteht – Körper und Geist bilden wieder eine Einheit.

Ich finde das phänomenal – andere ängstigt es. Während ich es einfach nur schön finde, mein rechtes Bein zu sehen und im Geiste zu fühlen, löst dies bei anderen Betroffenen Ängste aus. Zugegeben, mir jagt es auch einen Schauer über den Rücken, wenn der Therapeut den Spiegel unvermittelt wegzieht. Dann spüre ich dieses unangenehme Gefühl – wieder amputiert zu werden. Ich glaube, das Gehirn hat so eine Art Avatar zum eigenen Körper abgespeichert. Der ist immer komplett. Nie amputiert. Nie behindert. Dieser Avatar sollte eigentlich ein Abbild des realen Körperbilds sein – ist es aber oft nicht, weil man ein Bein, einen Arm oder vielleicht eine Brust verloren hat. Je weiter Illusion und Wirklichkeit auseinander liegen desto einschneidender werden die Spannungen in der körpereigenen Wahrnehmung. So ist es jedenfalls bei mir. Die Spiegeltherapie hat mir gezeigt, dass Blockaden auftreten, wenn Körper und Geist nicht synchron sind. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben kann, vielleicht ist es am ehesten erklärt mit einer Maschine, die nicht mehr optimal funktioniert, weil die Steuerungssoftware veraltet ist … dann hakt es an allen Ecken und Enden.

Ich finde das alles sehr spannend. Dies wird sicherlich nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema sein. Nebenbei, seit 6 Monaten bin ich nahezu phantomschmerzfrei. Das ist unbeschreiblich schön!

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