Mentaltraining Mein imaginärer Freund

Mein imaginärer Freund

Mit einer Behinderung erlebt man das Leben wie unter einem Brennglas. Freude, Leid, Erfolg oder Misserfolg – irgendwie fühlt sich das alles viel intensiver an als ohne Behinderung. So ist meine Erfahrung als Mensch, der die ersten 21 Jahre ohne Behinderung lebte.

Ich spüre insgesamt ein höheres Energielevel – im Guten wie im Schlechten. Wenn ich verärgert bin, dann aber richtig und wenn ich entspanne, dann spüre auch wirklich eine tiefe Zufriedenheit.

Die Krux, bei negativen Erfahrungen fokussiere ich zu sehr auf das, was nicht geht, und verliere dabei den Überblick. Gerade ist es mir wieder passiert. Nach meiner Hüft-OP war ich auf einem großartigen Rehabilitationsweg. Mein Körper hat mir richtig Spaß gemacht. Meine Fitness war wieder bei über 90%. Ich war auch wieder auf dem Golfplatz. Dann schießt mir die Lendenwirbelsäule kräftig einen vor den Bug. Meine Standardverarbeitungs-Strategie funktioniert jetzt leider nicht: Ablenkung suchen durch Sport. Wer schonmal Probleme mit einer Spinalkanalstenose hatte, der weiß, dass mit einer LWS-Blockade Sport nicht möglich ist. Die Schmerzen sind eklig. Der Körper nicht einsetzbar. Eine Spirale nach unten, aus der man sich subjektiv nicht befreien kann oder will.

Zum Arzt und Physiotherapeuten gehen sind erste Maßnahmen. Aber was mache ich mit der Hilflosigkeit und Wut und auf meinen Körper? Ich behelfe mich dann einem inneren imaginären Freund: mein persönlicher Peer-Coach. Das ist ein älterer Ich-Zustand von mir selbst. Er hilft mir die Situation von einer übergeordneten Sichtweise zu sehen. Letztendlich macht es mein imaginärer Peer-Freund nicht anders als ich bei meinen Peer-Coachings: Ich nutze eine integrale Landkarte von mir. Das sieht so aus:

Die Stärkung und der Aufbau meines Selbstwertgefühls stehen jetzt im Mittelpunkt. Dazu sind Geduld, Zeit und ein (Denk-)Muster nötig, das auf geistiges Wachstum ausgerichtet ist. Ich muss den Weg aus dieser Situation aus mir selbst heraus gehen wollen. Ich muss bereit sein, Frieden mit der Situation zu schließen. Dabei nutze ich die integrale Sichtweise nach Ken Wilber (Wilber 2001, Wilber 2007, Wilber et al. 2010).

Integrale Betrachtung nach Ken Wilber

Nur wenn ich alle Bereiche und Lebensumstände sehe, ergibt sich ein stimmiges und realistisches Gesamtbild. Damit wird es nämlich möglich, bei der gerade anstehenden Herausforderung den bestmöglichen Hebel für mich zu finden – und dies im Zweifel eben auch außerhalb der eigenen Expertise.

Warum hilft die integrale Sichtweise auch Dir?

Du rehabilitierst schneller, weil Du durch wichtige Informationen und eine Vogelperspektive Deine Situation besser begreifst. Außerdem bereitest Du Dich nachhaltiger und positiver auf ein Leben mit Behinderung oder Krankheit vor. Deine Selbstheilungspotentiale werden aktiviert und gestärkt, wodurch die Behandlung eines möglichen Traumas bestmöglich unterstützt wird.

Der integrale Ansatz unterstützt Dich nachhaltig, weil …

  • Deine individuellen Lebensumstände umfassend berücksichtigt werden,
  • Dir angemessene, sinnvolle und wirksame Hebel für eine positive Entwicklung aufgezeigt werden und
  • weil er alle Beteiligten und Expert*innen an einen Tisch bringt und sie gemeinsam nach den besten Lösungen für Dich suchen.

Wie kannst Du meine Lösung für Dich nutzen?

Ich verwende die imaginäre Übung „Mein innerer Peer-Freund“ (geändert nach Reddemann 2016 „Die inneren hilfreichen Wesen“). Dazu suche ich mir einen ruhigen stillen Ort und komme zur Ruhe. Alle externen Störungen, wie Computer oder Handy sind auf stumm geschaltet. Ich kann mich komplett auf mich konzentrieren und in der Situation maximal entspannen. Jetzt lade ich (wie oben beschrieben) ein älteres Ich (mein elterlicher Peer-Freund) ein, um nicht allein zu sein. Ich treffe mich mit ihm an einem Ort, der mir Geborgenheit gibt und tausche mich mit ihm über mein Problem und alle Lebensbereiche aus, die mir gerade wichtig sind.

Sinn der Übung: Das imaginative Treffen mit meinem Peer-Freund dient dazu, mich nicht mehr so einsam und hilflos zu fühlen. Mein Peer-Freund unterstützt und tröstet mich und er zeigt mir Wege auf, um die Situation zu lösen.

Nach der Übung komme ich mit der vollen Aufmerksamkeit in den Raum zurück.

Ich wende diese Übung immer dann an, wenn ich einen Freund brauche, der Orientierung gibt. Andere Menschen mit Amputationen wären jetzt mit ihrer Lebenserfahrung wahre Inspirationsquellen und Hoffnungsträger. Aber oft fehlen mir die passenden Menschen dazu oder Ort und Zeit stimmen nicht. Daher bediene ich mich des Tricks mit dem imaginären Vorbild eines Peer-Freunds. Er zeigt mir nicht nur einen Wohlfühlweg auf, sondern agiert nach der Philosophie „Fördern und Fordern“. Mit ihm kann ich meinen individuellen Weg finden. Er wird mich für diesen Weg auch nicht kritisieren. Ich kann mein eigenes Tempo wählen und meine individuelle Form des Lebenswegs. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass ich um die positive Wechselwirkung zwischen Imagination und Wirklichkeit weiß.

Hast Du Fragen, dann melde Dich bei mir!

Wenn dieser Blog Musik wäre, dann würde er sich so anhören: Sia – Never give up (Official Audio)

Literatur:

Wilber, K. (2001): Ganzheitlich handeln – eine integrale Vision für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Spiritualität. Freiamt, ISBN 3-924195-79-X.

Wilber, K. (2007): Integrale Spiritualität. München, ISBN 978-3-466-34509-0.

Wilber, K., Patten, T., Leonhard, A. (2010): Integrale Lebenspraxis: Körperliche Gesundheit, emotionale Balance, geistige Klarheit, spirituelles Erwachen. – Ein Übungsbuch. 5. Auflage. München, ISBN 978-3- 466-34545-8.

Reddemann, L.: Imagination als heilsame Kraft. Ressourcen und Mitgefühl in der Behandlung von Traumafolgen. Klett-Cotta; 23. Druckaufl., 2022 Edition (19. September 2016), ISBN-10:‎ 3608891781, ISBN-13: ‎978-3608891782.

Foto: Thomas Josek, Köln