Ich hatte noch nie eine Beziehung mit einer behinderten Frau. Ein Behinderter reicht, denke ich. Klingt das vielleicht hart? Oder gar absurd? Keine Ahnung, es ist jedenfalls so. Der gemeinsame Podcast von Elke und mir auf der Plattform der Prothesen-Gemeinschaft war Anlass, mir meine bisherigen Beziehungen mal genauer anzusehen. Was ist das Besondere in einer Beziehung mit einem Amputierten? Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich kann nur meine Sicht erzählen.

Zum Zeitpunkt meines Unfalls war ich mit Bettina in einer Beziehung. Sie war meine erste Liebe. Wir beide waren auf diesen Unfall und was da auf uns hereingeprasselt ist, nicht vorbereitet. Kein Erwachsener – ob Facharzt, Freund oder Verwandter – um uns herum war in der Lage, sich in uns reinzuversetzen. Wie auch? Alle Beteiligten und Betroffenen waren komplett überfordert. Therapeutische Hilfestellung wie wir mit dieser Situation umgehen könnten, war nie eine Option. Ich hatte das Gefühl, alle verstecken sich.

Nach meinem Unfall gab es bei mir eine lange Phase der Unsicherheit. Wie werde ich aus dieser Situation am Ende rausgehen, war ein Gedanke, der mich ständig begleitete. Und an dieser Unsicherheit ist letztlich auch die Beziehung zu Bettina gescheitert. Vermutlich hätte die Beziehung auch ohne den Unfall nicht dauerhaft gehalten – who knows? Diese Trennung hat dennoch immer eine Lücke hinterlassen, weil ich mich mit Bettina nie habe austauschen können – auch nicht mit etwas zeitlichem Abstand. Ich weiß nicht, wie ihr Leben verlaufen ist und wie sie mit dem Geschehenen letztlich umgegangen ist. Ein offener Loop in meinem Leben.

Beziehung und Trauma

Ich war jedenfalls tief traumatisiert, auch wenn ich das nicht wahrhaben wollte. Es hat 25 Jahre gedauert bis ich soweit war, mich therapeutisch begleiten zu lassen, um das Geschehene aufzuarbeiten. Und das war für mich die Initialzündung, Beziehungen anders anzugehen. Und auch dafür, aus meinem typischen Muster der Traumaverarbeitung rauszukommen. Ein Muster, das für mich recht erfolgreich war: Das Trauma durch Performen zu kompensieren, d.h. mein Leben an Leistung, Ergebnissen und maximale Außendarstellung zu orientieren. Ich möchte so einen Modus nicht abwerten, als Überlebensstrategie hat es für mich funktioniert. Nur: Wenn man es übertreibt, kann eine kooperative Beziehung mit einem Menschen nicht funktionieren. Es stehen eigene Bedürfnisse im Vordergrund. So wie bei all meinen Beziehungen in den Neunziger Jahren.

Nach meiner Jugendliebe war ich ca. drei Jahre Single. In der Zeit begann ich mein Studium und es fiel mir ziemlich schwer Frauen anzusprechen. Auf der einen Seite war ich sehr mit mir selbst beschäftigt, auf der anderen Seite kamen Gedanken auf wie ich z.B. Frauen als Behinderter überhaupt ansprechen soll? Wie reagieren sie? Bekomme ich überhaupt noch eine ab?

Also folgte was folgen muss, wenn man selbst nicht weiß, wer man ist: Einige Beziehungs-Kurzgeschichten – nichts was ein paar Wochen oder Monate überdauerte. Und jedes Mal, wenn eine Beziehung wieder gescheitert war oder erst gar nicht zu Stande kam, schob ich es auf die Behinderung. Eine recht oberflächliche Begründung, ja eine Ausrede – aus heutiger Sicht. Denn ich wollte nicht genau hinschauen, woran es tatsächlich lag.

Handicap war kein Thema

1998 lernte ich dann über den Job Kerstin kennen. Mit ihr war ich 10 Jahre zusammen, meine bisher längste Beziehung. Mein Studium war beendet, ich hatte einen gut bezahlten Job und war selbstbewusster geworden. Ich zeigte meine Behinderung auch öfter und war mit Krücken unterwegs. Das Handicap war nie ein Thema in der Beziehung. Wir hatten als gemeinsames Fundament den Job, die Karriere im Visier.

Nach außen hin waren wir das perfekte Paar: schönes Haus, gemeinsam unternehmerisch recht erfolgreich. Das war die Fassade. Und ein recht dünnes Fundament, wie sich herausstellte. Am Ende hatten wir uns schlicht auseinandergelebt, wie es so schön heißt. Jeder hatte sich weiterentwickelt, ohne den anderen mitzunehmen. Wir beide hatten jeweils eigene Lebensentwürfe entwickelt, aber den anderen daran teilhaben zu lassen, haben wir versäumt. Eine gemeinsame Vision unserer Zukunft? Fehlanzeige.

Mich hat die Trennung sehr mitgenommen. Es zerbrach eine Illusion. Rückblickend betrauerte ich mehr das Ende meiner eigenen Täuschung als den „Verlust“ von Kerstin. Ich hatte mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie eine ideale Beziehung für mich überhaupt aussieht.

Der Performer ist wieder da

Jedenfalls stürzte ich mich 2009, nach einer recht schwierigen Zeit von Wohnungs- und Jobsuche, wieder in die Beziehungssuche. Dem Internet sei Dank, wurde es ziemlich einfach Frauen kennenzulernen. Zumindest der erste Schritt war easy – chatten statt an der Bar anquatschen, war eine niedrige Hürde. Und so ging es in eine mehrjährige Phase des Datings, die zunächst richtig Spaß machte – der Performer kam wieder zum Vorschein. Ich hatte schon immer ein Talent zum Verkaufen, offensichtlich fiel das auch bei mir selbst leicht.

Aber vor jedem ersten Treffen die bange Frage: Wir geht sie mit der Behinderung um? Im ersten Augenblick reagierten viele sehr souverän – was mich überrascht hat. Viele schöne Momente bleiben in Erinnerung, aber daraus entwickelte sich nichts von Dauer. Ich habe großartige Menschen kennengelernt, die mein Leben für einen kurzen Moment sehr bereichert haben. Irgendwie hatte ich aber immer das Gefühl auf dem Sprung zur Nächsten zu sein. Das ist kein gutes Mindset für eine gemeinsame Zukunft.

Beziehungsmuster hinterfragen

Das sollte sich bei Elke 2015 ändern. Unsere Geschichte kannst Du im aktuellen Podcast der Prothesen-Gemeinschaft hören. Die Gelegenheit ein Interview zusammen mit meiner Liebsten zu machen, fand ich wundervoll. Mit Elke bin ich erstmals anders auf eine Frau zugegangen – zurückhaltender und abwartender. Glücklicherweise war auch Elke in einer Phase, wo sie ihre Beziehungsmuster stark hinterfragt hat. Und ohne uns wirklich konkret abzusprechen, sind wir beide auf eine neue Art aufeinander zugegangen.

Heute nach 4 Jahren fühle ich mich pudelwohl in der Beziehung und unser gemeinsamer Weg ist eine dauerhafte Weiterentwicklung mit laufender Kurskorrektur. Wir lassen einander intensiv teilhaben an der eigenen Gedankenwelt. Wir riskieren dabei kurzfristige Disharmonien, die letztlich aber immer zu einem besseren Verständis für einander führen. Das erste Jahr lief von meiner Seite noch einiges im Performer-Modus, Elke musste wohl auch erst das Leben mit einem amputierten Mann „üben“.

Rückblickend kann ich jedem nur den Ratschlag geben, keine Scheu davor zu haben, sich therapeutische Hilfe zu holen, um ein Trauma besser einordnen zu können. Wir sind nicht dafür „gebaut“ als Einzelkämpfer/innen das zu bewältigen. Und letztlich hilft diese Hilfestellung nicht nur bei der Bewältigung von Traumata oder schwierigen Lebensabschnitten, sondern auch in der Gestaltung seiner Beziehungen.

Gemeinsame Vision von Beziehung

Ich denke, dass es im Grunde keinen Unterschied macht, ob man als Mensch mit oder ohne Behinderung in einer Beziehung ist. Am Anfang entscheiden Sympathie, ob man die/den andere/n im wahrsten Sinne des Wortes gut riechen kann. Die Hormone haben in dieser Zeit die Oberhand. Sobald dieser Hormonspiegel nachlässt, geht es darum, was wirklich mit diesem Menschen in der Tiefe verbindet. Ob man eine gemeinsame Vorstellung vom (Beziehungs-)Leben hat, ob man bereit ist, sich gemeinsam weiterzuentwickeln und jeden Tag mit einem im besten Wortsinn „Anfängergeist“, einer freudvollen Neugier auf der Übungsmatte der Beziehung erscheint, um für eine gemeinsame Vision zu gehen. Und das alles ist unabhängig davon, ob Dir ein Körperteil fehlt oder nicht.

Ich würde mich freuen, wenn sich Menschen offener zeigen für das Leben mit Menschen mit Behinderung. Es gibt sicherlich viele spezielle Einschränkungen, die eine Behinderung mit sich bringt. Aber ist das nicht auch nur eine Beschränkung im Kopf, dass wir das als EINschränkung sehen? Letztlich zählt die Freude am gemeinsamen Weg. Und die Liebe.

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