Phantomschmerzen sind seit 30 Jahren mein ständiger Begleiter – mal mehr mal weniger. Meine Einstellung in den ersten 10 Jahren: Sie sind mein Feind und müssen bekämpft werden – ein Mindset, das keine gute Basis ist, wie ich heute weiß. Die Wende kam mit der Spiegeltherapie.

Neuropathische Schmerzen hatte ich ab dem Unfall. Schmerzmittel waren für mich bis 2012 das beste Mittel dagegen. Spiegeltherapie habe ich bis zu diesem Zeitpunkt als Therapieform nicht akzeptiert. Aber nach den ersten Sitzungen war mir klar: Spiegeltherapie hilft! Mittlerweile kann ich komplett auf die Einnahme von Schmerzmitteln verzichten.

Aktuell bin ich mit der Spiegeltherapie sehr erfolgreich unterwegs. Und ich will Euch deshalb einen kürzlich gehaltenen Vortrag zusammenfassen, zu dem Ende März der Bundesverband der Menschen mit Arm- und Beinamputationen eingeladen hatte. Zusammen mit Ilja Michaelis von Routine hielte ich einen Vortrag zum Thema Phantomschmerzbehandlung mit einem digitalen Nachsorgekonzept.
Kurz zusammengefasst: Die Spiegeltherapie wird seit über 10 Jahren als nicht-medikamentöses Verfahren zur Behandlung von Phantomschmerzen eingesetzt. Bisher hat man dafür einen speziellen Folienspiegel eingesetzt, der aber auf Reisen ziemlich unhandlich ist. Daher haben Entwickler um Andreas Rothgangel 2012 ein Projekt gestartet, dass die Spiegeltherapie digitalisiert. Die Entwickler von Kaasa health haben – unterstützt durch das Bundesland NRW und die EU – eine digitale Nachsorgeplattform entwickelt, die Betroffenen die Anwendung der Spiegeltherapie zu jeder Zeit und an jedem Ort ermöglicht. Die begleitende Studie hat die Wirksamkeit untermauert und so sind heute z.B. BG-Kliniken in Deutschland die größten Unterstützer des digitalen Nachsorgekonzepts.

Bei der eingangs erwähnter Fortbildungsmaßnahme habe ich glühend und freudig darüber vor Betroffenen und Experten aus dem medizinischen Bereich berichtet, und in einem Nebensatz folgendes erwähnt: „Die digitale wie auch die analoge Spiegeltherapie haben meine Körperwahrnehmung verändert. Mein Körper fühlt sich kompletter an. Es hat sich ein angenehmes Gefühl der Symmetrie eingestellt, wodurch ich Dinge machen kann, die 10 Jahre vorher nicht möglich waren. Mein Golfen habe ich als Beispiel angeführt und ein Bild von mir beim Abschlag gezeigt.“

Ilja und ich gestalten unsere Vorträge immer sehr locker. Wir verabscheuen die klassischen Power-Point-Schlachten. Unsere Vorträge sind authentisch und lebendig, manchmal auch ein bisschen frech. Das kommt offensichtlich bei den Zuhörern an. Bei einem ganz besonders: Dr. Robin Bekrater-Bodmann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Ihn haben die Aussagen übers Golfen und die veränderte Körperwahrnehmung sofort aufhorchen lassen. Er forscht seit Jahren über das Thema in Bezug auf die Nutzung von Prothesen. Er meint: „Prothesen können helfen, nicht nur die körperliche, sondern wahrscheinlich auch die neuronale Integrität des Körpers nach einer Amputation wiederherzustellen.“ Ein sehr spannendes Thema, denn über diesen Mechanismus könnte auch Phantomschmerz positiv beeinflusst werden.

Meine Beobachtungen bei der Spiegeltherapie wie auch die Hinweise von Robin zur Prothesennutzung gehen in eine ähnliche Richtung: das subjektive Empfinden von Amputierten bei der Spiegeltherapie aber auch bei der Nutzung von Prothesen, erzeugt bei betroffenen Menschen ein neues/anderes Körpererleben, das im Rehabilitationsprozess miteinbezogen werden sollte. Robin erzählte mir, dass diese Erkenntnisse u.a. wichtige Schlussfolgerungen für die Konstruktion zukünftiger Prothesen nach sich ziehen könnte. Er startet dazu gerade eine Studie und sucht noch amputierte Menschen, die mitmachen wollen. Den Informationsflyer dazu könnt ihr hier runterladen.
Und ich werde weiter mit der Spiegeltherapie analog wie digital arbeiten und regelmäßig darüber berichten, wie sich mein Körpererleben weiterentwickelt.

Wer ist amputiert und hat Interesse an der Studie von Dr. Robin Bekrater-Bodmann vom ZI Manheim teilzunehmen? Infos gibt’s hier.

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