Mein letzter Blog über die Komfortzone ist für mich noch nicht ganz abgeschlossen… ich schrieb: „Das Positive an einem solchen Schicksalsschlag ist: Du hast die Freiheit, von neuem zu beginnen, dich neu zu erfinden. Die Gesellschaft hat erstmal auch keinen Erwartungsdruck. Diese Chance zu sehen, braucht Zeit. Aber den Zeitpunkt, an dem das Leben dir diese Einsicht auf dem Silbertablett serviert, solltest du nicht verpassen. Hab den Mut, deinen Weg zu gehen und lass dich nicht davon abbringen.“

Das Silbertablett sehen

Wie oft serviert Dir das Leben Chancen, Gelegenheiten und Einsichten auf dem Silbertablett und du siehst sie nicht, weil du sie nicht als solche wahrnimmst? Das Leben hat oftmals eine andere Vorstellung von dem, was du gerade brauchst als du selbst. Und meine Erfahrung ist: Das Leben hat am Ende immer recht. Wenn du die Lektion nicht siehst und verstehst, verpasst du die Chance auf eine bewusste und nachhaltige Veränderung, die deinem Lebensplan in der Tiefe dient. Außerdem: Hast du die Lebenslektion nicht kapiert, schickt dir das Leben die nächste – mit härterem Einschlag.

Beispiel: Mein Unfall hat mein Leben nachhaltig verändert. Der Einschlag war hart. Mein soziales Umfeld hat sich mit blöden Ratschlägen zurück gehalten und eher versucht mich zu unterstützen. Jeder auf seine Art. Mein Vater und mein Bruder zogen sich zurück und verarbeiteten ihren Schmerz still und allein. Meine Mutter war es, die mir zur Seite stand, einfach nur indem für mich da war und zuhörte. Sie anerkannte, was passierte, und anerkannte, wer ich durch den Unfall geworden war. Im Rückblick war das der Schlüssel zurück ins Leben: Ihr bedingungsloses Muttersein, ihre bedingungslose Liebe.

Selbstmitleid und Selbstablehnung aushalten

In den ersten Monaten ist mir die (Selbst-)Liebe und der Selbstwert abhandengekommen, eine Mischung aus Wut, Verzweiflung, Selbstmitleid und Selbstablehnung beherrschte mein Gefühlsleben. In den ersten Tagen und Wochen hat ein Teil von mir gegen mich gekämpft, weil ich mich nicht mehr als richtig empfunden habe. Das hat mir den Weg zurück schwierig gemacht. Ich habe weder mich noch die neue Lebenssituation akzeptiert und alle Liebe und Zuwendung abgelehnt. Mein Leben war mit einem Schlag scheinbar sinnlos geworden, ein Fass ohne Boden. Es begann eine Reise zu mir selbst, die damit gestartet ist, erstmal die Akzeptanz und Bestätigung von außen wieder zu erlangen. Das brachte einen permanenten Energieverlust mit sich, den ich die ersten Jahre nicht registriert habe: Im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft ist man auch als Behinderter. Dennoch anerkenne ich mich heute für diesen Weg – jede noch so unangenehme Abzweigung war notwendig, um mir selbst einen Schritt näher zu kommen.

Warum hat es sich bei mir aus meiner Sicht positiv entwickelt? Schwer zu sagen… vielleicht war es mein Überlebenswillen. Nicht unerwartet für diesen Zeitpunkt, sah ich keinen Ausweg mehr. Für mich war ein Leben mit einem Bein absolut nicht vorstellbar. Und dann passierte 6 Monate nach meinem Unfall, worüber ich lange nachgedacht hatte: Ich wollte meinem Leben ein Ende setzen. Mein Selbstmordversuch zog sich über mehrere Stunden hin, zwei Stimmen in mir rangen um die Macht.

JA! zum Leben sagen

Dass ich meine Pulsadern nicht öffnete, verhinderte diejenige innere Macht, die ganz laut JA! zum Leben schrie. Ich empfand 100 Prozent pure Lebensenergie, als ich das hörte. Energie, die ich für ein neues Leben brauchte: JA! zur Amputation, JA! zu den Schmerzen, JA! zu den Zukunftsängsten. Es klingt bescheuert, aber jedes einzelne JA! war wichtig, um den inneren Kriegszustand Schritt-für-Schritt aufzulösen und die freigewordene Energie für ein neues Bewusstsein einzusetzen: JA! mir geht es Scheiße, aber ich komme da wieder raus. JA! ich war doof, aber ich korrigiere mein Verhalten. Dabei ist ein Denkmuster entstanden, das mich seit über 30 Jahren über alle Höhen und Tiefen hinweg begleitet und über das ich sehr dankbar bin, hilft es mir doch Tiefschläge bewusst zu machen und zu verarbeiten.
Aktuell arbeite ich Tag für Tag an meinem „JA! zum Phantomschmerz“.

Übrigens: Wäre dieser Blog Musik, dann würde er sich für mich so anhören: aus dem Film „Rush“ | Lost But Won | von Hans Zimmer

 

Du willst mehr? Dein 5 Minutes Booster

Wenn du für dich ein wenig tiefer in das Thema einsteigen möchtest, habe ich ein paar inspirierende Fragen in meinem „5 Minutes Booster“ zusammengestellt. 

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